Behind the scenes

Erfahrung, Veränderung, Zukunft: Paul Steinvorth im Kaffeegespräch mit Emilio Rolando Medina Sagastume

Behind the scenes

Erfahrung, Veränderung, Zukunft: Paul Steinvorth im Kaffeegespräch mit Emilio Rolando Medina Sagastume

NAME
Paul Steinvorth

FIRMA
Tropical Farm Management und InterAmerican Coffee Switzerland

POSITION
Trader

GEBURTSTAG
17. Juli

ERSTER ARBEITSTAG BEI DER NKG
3. September 2018

WAS GEFÄLLT DIR AM BESTEN AN DER ARBEIT BEI DER NKG?
Kaffee und Menschen – beides ist so vielfältig und facettenreich, dass es für mich eine unerschöpfliche Faszination darstellt.

Beneficio de Café Montecristo (BECAMO) erlebte im Laufe seiner Unternehmensgeschichte ein rasantes Wachstum. Wenige stehen so sinnbildlich für diese Entwicklung wie General Manager Emilio Rolando Medina Sagastume. Er ist seit Anfang an dabei – schon bevor die NKG im Land aktiv wurde – und hat die Entwicklung des Unternehmens bis zu einer Produktionskapazität von rund einer Million Säcken pro Jahr hautnah miterlebt.

Zwischen Dezember 2021 und September 2023 war ich während zwei Erntezeiten Teil der Entwicklung vor Ort in Honduras. Als mein direkter Vorgesetzter habe ich Emilio damals als klar, entschlossen und äußerst lösungsorientiert erlebt. Diese Eigenschaften spiegeln sich auch in der Arbeit von BECAMO wider: pragmatisch, flexibel und bereit zu handeln, wenn es erforderlich ist.

Im Gespräch erzählt Emilio, wie er das Ganze erlebt hat: von den Anfängen bis zum heutigen Erfolg, einschließlich der Schlüsselmomente und Entscheidungen auf dieser Reise.

Interview

Paul Steinvorth
Welche Veränderungen hast du in deiner Zeit in der Kaffeebranche auf dem globalen Kaffeemarkt erlebt?

Emilio Medina
Zunächst möchte ich mich für die Möglichkeit bedanken, über meine wundervollen Erfahrungen in der Kaffeebranche zu sprechen und darüber, wie großartig Kaffee ist.

Vielleicht ist euch bekannt, dass BECAMO 1987 als Exportunternehmen gegründet wurde. Seitdem haben wir enorme Veränderungen durchlaufen. Kaffee war früher stark reguliert und das Geschäft eng an die berühmten Quoten geknüpft. Natürlich waren die Stabilität und die Volatilität krass anders. Die Volatilität war viel schwächer ausgeprägt.

Jetzt ist der Markt komplett frei und hochvolatil, Preise werden von Futures, vom Klima, von Ereignissen, Kriegen usw. bestimmt. Neue große Player in der Branche, wie Vietnam, und die Expansion der Produktion in Brasilien haben das globale Angebot verändert. Es gibt mehr Wettbewerb und sogar ein Überangebot. Der Markt ist viel volatiler geworden. Auch die Kultur hat sich verändert: 1987 sprach niemand über Premiumkaffee, Spezialitätenkaffee oder Microlots und es gab keine oder kaum Präferenzen für bestimmte Anbaugebiete. Rückverfolgbarkeit war ein Fremdwort. Für mich war es ein jahrelang andauernder Lernprozess.

Heute gibt es viel mehr Vorschriften. Anforderungen an Qualität, Nachhaltigkeit und Zertifizierungen sowie neue Importauflagen und der Klimawandel sind neue Herausforderungen für die Branche, die sich drastisch verändert hat.

Paul Steinvorth
Was sind aktuell die größten Herausforderungen für die Kaffeebranche in Honduras?

Emilio Medina
Unregelmäßige Regenfälle mit sowohl zu viel als auch zu wenig Regen oder auch zu falschen Zeiten, sodass es den Kaffeepflanzen schadet. Die Blütezeiten werden unterbrochen und Regen und Kälte in der Erntezeit beeinflussen die Erntemenge.

Temperatur- und Feuchtigkeitsschwankungen innerhalb kürzester Zeit wirken sich auf Produktion und Qualität aus. Die derzeitige Kriegslage in der Welt hat die Preise für Agrochemikalien und Dünger in die Höhe getrieben. Inflation und Erntekosten (für die Handlese) sind gestiegen und die massenhafte Migration hat die Verfügbarkeit von Arbeitskräften vor Ort verändert und zu einer Abhängigkeit von Arbeitskräften aus Nachbarländern geführt. Außerdem werden die Bäuerinnen und Bauern immer älter, damit meine ich, dass ihr Durchschnittsalter steigt, weil es zu wenig Anreize für junge Menschen gibt, auf Kaffeeplantagen zu arbeiten oder sie zu übernehmen.

Und nicht zuletzt die EU-Entwaldungsverordnung, die neue hohe Kosten für vorgeschriebene Arbeiten verursacht und uns kontinuierlich unter Druck setzt.

Paul Steinvorth
Wie würdest du die Zusammenarbeit zwischen Exportunternehmen in Honduras und Importunternehmen (weltweit) heute beschreiben? Was funktioniert besonders gut und wo siehst du Verbesserungspotenzial?

Emilio Medina
Über die Jahre hat BECAMO starke Beziehungen aufgebaut und das ist wichtig. Verlässlichkeit bei der Vertragserfüllung und gegenseitiges Vertrauen. Allgemein gilt Honduras als zuverlässig und proaktiv.

Was besser sein könnte? BECAMO hat frühzeitig auf Anforderungen und Herausforderungen im Zusammenhang mit der EUDR reagiert und das war wichtig, weil sich meiner Meinung nach die Regierung direkt hätte einschalten und das Thema angehen müssen, was leider nicht optimal gelaufen ist.

Außerdem werden Beziehungen leider vom Preis bestimmt; da gibt es keine bewährte Strategie. Langfristige Lieferverträge helfen, Beziehungen zu festigen. Wir könnten unsere Beziehungen zu Importunternehmen durch gemeinsame Investitionen in Projekte und eine ausgewogenere Zusammenarbeit stärken. Importunternehmen verlangen Zertifizierungen, Rückverfolgbarkeit, Qualitätsmerkmale usw., aber es gibt keine klare Anreizstruktur in Bezug auf die Qualität. Insgesamt gibt es durchaus Verbesserungspotenzial.

Paul Steinvorth
Wie haben sich die Erwartungen der Käuferinnen und Käufer in den letzten Jahren verändert – insbesondere im Hinblick auf Rückverfolgbarkeit, Liefertreue und Vertragssicherheit?

Emilio Medina
Früher gab es etwas Toleranzspielraum bei Lieferverzögerungen. Wenn der Preis stimmte, gab es keine Strafen bei Verzögerungen aufgrund höherer Gewalt. Es ging ums Geschäft, ganz einfach.

Heutzutage verlangen unsere Kundinnen und Kunden Informationen und Rückverfolgbarkeit vom Feld bis zum Container; PDFs und Excel-Dateien oder Datenblätter reichen nicht mehr aus. Und sie möchten immer sofort eine Rückmeldung erhalten. Heutzutage enthalten Verträge viel mehr Klauseln, etwa zur Qualität, zum Rücktrittsrecht und zu Vertragsstrafen. Sie sind viel strenger geworden, geradezu einengend.  

Paul Steinvorth
Auf welche Errungenschaft oder welchen Erfolg von BECAMO bist du besonders stolz?

Emilio Medina
Ich würde sagen, dass das Vertrauen, das wir geschaffen haben, ganz oben auf der Liste der vielen Errungenschaften steht, auf die wir stolz sein können. Wir haben ein sozial verantwortliches Unternehmen aufgebaut und erhalten Jahr für Jahr eine CSR-Auszeichnung. Das passiert nicht von heute auf morgen, dahinter steckt viel Arbeit.  

Wir haben ein stabiles und angenehmes Arbeitsumfeld geschaffen, was sich auch in unserer Belegschaft widerspiegelt. Manche von ihnen sind seit Jahrzehnten oder sogar seit Tag 1 für BECAMO tätig.

Und schließlich die richtige Entscheidung, nach nur vier Monaten eine Partnerschaft mit Michael Neumann einzugehen. Dadurch habe ich so viel gelernt, dass ich hier praktisch einen „Doktortitel“ erworben habe.

Paul Steinvorth
Welche wesentlichen Eigenschaften sollte eine Händlerin bzw. ein Händler mitbringen?

Emilio Medina
Leidenschaft. Leidenschaft für alles, was man tut.

Disziplin, Proaktivität, Kreativität, Organisationstalent.

Paul Steinvorth
In Honduras ist der Anbau von Robusta nicht erlaubt. Ist das eine ungenutzte Chance?

Emilio Medina

Kurz gesagt, ein ganz klares JA!

Honduras verfügt über das Land und die Menschen und sollte diese Möglichkeit nutzen, weil die niedrigeren Höhenlagen mit dem Klimawandel, Rost und anderen Problemen zu kämpfen haben. Wir können nicht so tun, als wäre es ein Tabu, dass Robusta mit Arabica gemischt wird. Das ist einfach nicht der Fall.

Außerdem sind Robusta und Arabica zwei verschiedene Paar Schuhe und konkurrieren daher nicht um dieselben Anbauflächen. Auch die Menschen, die sie anbauen, die Art des Bodens und die Höhenlagen unterscheiden sich. Der Anbau von Robusta würde nicht nur Chancen für die Familien in Honduras bringen, sondern wäre auch eine Einnahmequelle für das Land.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Weitere Artikel

Kaffee in Bewegung: Wissenswertes

Kaffee hat eine weite Reise hinter sich, wenn er Europa erreicht. Von der Ernte bis zur Ankunft hier ist Arabica-Kaffee bis zu 90 Tage unterwegs – hauptsächlich auf See, zwischen Kontinenten und Häfen. Wir präsentieren Wissenswertes und einige Zahlen zu einem der meistgehandelten Güter der Welt.

Weiterlesen »

Drei mal drei Fragen: Die zahlreichen Schritte und Herausforderungen hinter jedem einzelnen Kaffeehandel

„Kaffeehandel“ mag zunächst unkompliziert klingen; dahinter stecken aber tatsächlich komplexe Prozesse, zahlreiche Personen und einzigartige Herausforderungen. In dieser Ausgabe unserer Reihe „Drei mal drei Fragen“ sprechen wir mit Fachleuten aus den Bereichen Import, Logistik und Export. Anhand ihrer Einblicke und Berichte aus der Praxis erfahren wir, wie sie zu einem reibungslosen Kaffeehandel beitragen und zeigen anhand von Beispielen, wie Hürden durch Zusammenarbeit und im Team überwunden werden können.

Weiterlesen »

Quiz: Die Handels- & Transport-Challenge

Ganz im Zeichen unseres Fokusthemas geht es auch bei unserem Quiz um Handel & Transport. Kennt ihr die wichtigsten Begriffe und Definitionen? Für unsere Handelsprofis ist dieses Quiz wahrscheinlich keine Herausforderung, aber die volle Punktzahl zu erreichen macht doch trotzdem immer Spaß, oder?

Weiterlesen »